Durchatmen
Wir erleben gerade einige sehr intensive Wochen. Mein Mann ist beruflich recht eingespannt, oft unterwegs oder muss zum Abendessen mit Kunden oder Regierungsvertretern. Die Kinder fiebern auf die Weihnachtszeit hin, deren Zauber zu verbreiten einen gewissen Organisationsaufwand mit sich bringt.
Zusätzlich habe ich zusammen mit zwei Freundinnen aus unserem Elternbeirat angefangen einen wöchentlichen Englisch-Konversations-Kurs für Eltern in der Schule anzubieten: Für Eltern, deren Englisch eingerostet ist oder die sich schlichtweg nicht so recht trauen Englisch öffentlich zu sprechen. Wir bieten einen sicheren Rahmen, in dem Fragen und Fehler erlaubt und erwünscht sind. Es macht mir großen Spaß! Ich bin für die Rundum-Organisation zuständig, eine Freundin übernimmt die Themenauswahl und Struktur der Stunde und die andere spricht das beste Englisch von uns Dreien. All unsere Teilnehmer sind dankbar für diese Möglichkeit und wir freuen uns nun jeden Mittwoch auf unseren Austausch, der sprachlich aber auch kulturell sehr interessant ist. Wer hätte gedacht, dass man in Japan zu Weihnachten (was eigentlich gar nicht gefeiert wird) traditionell von der Fast-Food-Kette KFC – Kentucky Fried Chicken bestellt? Und diese Bestellungen schon mindestens eine Woche vorher getätigt werden müssen, sonst sei schon alles ausgebucht?
Unsere Englisch-Idee hat ein paar chinesische Freiwillige inspiriert, die nun ebenfalls eine Chinesisch-Konversations-Stunde anbieten möchten, was sich deutlich schwieriger gestaltet, da die Sprachniveaus der Teilnehmenden weit auseinander gehen. Aber ganz ehrlich: Sollte man, wenn man nur Hallo und Tschüss in einer anderen Sprache sprechen kann schon zu einem Konversationskurs gehen?



In der Vorweihnachtszeit scheint es hier wichtig zu sein, dass jede Gruppe nochmal eine kleine Veranstaltung initiiert. Sonst verteilt sich das irgendwie immer recht schön, sodass man hier mal auf ein Mittagessen gehen kann und dann zwei Wochen später auf ein Abendessen.
Aber Ende November/Anfang Dezember muss anscheinend jeder nochmal aktiv werden. Ich war dann auch sehr selektiv: Thanksgiving-Mittagessen, bei dem auch viele meiner engsten Freundinnen war, sodass es ein sehr nettes Zusammenkommen wurde. Dann war ich noch bei einer Abendveranstaltung zum Thema: Wie entwickelt man sich als nicht arbeitender Partner beim Leben im Ausland? Die Dame, die den Vortrag gehalten hat, hatte viele verschiedene Stationen hinter sich und hat erläutert, wie sie sich wo weiterentwickeln konnte (privat und auch beruflich) oder welche Vor- und Nachteile sich ergeben können. Dieser Vortrag hat rege Gespräche zwischen uns Teilnehmerinnen ausgelöst und war ein guter Ausgangspunkt zur Selbstreflexion.
Auch hatte unsere libanesische Freundin uns zum gemeinsamen Kochen zu sich eingeladen. So haben wir zu dritt fast 100 Weinblätter gefüllt. Die Weinblätter bringt sie immer boxenweise aus ihrem Sommerurlaub im Libanon mit, sodass üblicherweise mehr als ein halber Koffer voll davon ist. Außerdem gab es noch Petersiliensalat, gefülltes Fladenbrot und eine Art Rindergeschnetzeltes mit Gemüse und Zwiebeln – köstlich! Lustigerweise isst unsere Gastgeberin so gut wie nichts von alledem und bittet immer ihren Mann beim Abschmecken zu helfen.



In der Schule gibt es außerdem sehr viele Aktionen, von Eltern-Workshops zum Thema Internetsicherheit für Kinder (hochinteressant! – ich bin da nämlich auch wirklich total unbedarft) oder Entwicklung von Kindern bzw. wie man sie in verschiedenen Lebenslagen unterstützen kann, über die feierliche Erleuchtung des großen Weihnachtsbaums im Foyer mit Orchester, Chorgesang und anschließendem Mitbring-Buffet, Weihnachtsfeiern im Kindergarten, Gedichtelesung der Kinder in der Klasse des Großen und dann noch die Nachricht der Kindergarten-Erzieherin am letzten Donnerstag, dass sie vor den Ferien eine Themenwoche einleiten und die Kinder jeden Tag etwas anderes anziehen sollen: Montag Weihnachtssocken, Dienstag Nikolausmütze, Mittwoch Weihnachtspulli, Donnerstag gestreift wie eine Zuckerstange, Freitag Weihnachtsfeier-Kleidung, Montag Weihnachtsschlafanzug, Dienstag verkleidet als Weihnachtscharakter (Elf, Wichtel, Nikolaus usw.). Ich finde die Idee wirklich schön, aber wer hat das denn alles zu Hause? Und dann auch noch so kurzfristig? Die Bestellungen im Internet sind heiß gelaufen…. Ach so und zusätzlich sollen die Kinder noch ein englischsprachiges Weihnachts- oder Winterbuch mitbringen für einen Geschenketausch…
Und dann kommt mir meine Tochter am letzten Freitag auch noch freudestrahlend mit einer großen Plastiktüte entgegen: Mami! Wir passen übers Wochenende auf die Seidenraupen aus der Klasse auf. Ich habe auch das Futter (Maulbeerblätter, falls jemand es nicht wissen sollte) dabei und wir müssen nur darauf achten, dass sie nicht sterben und jeden Tag die Blätter austauschen. Die Freude hat sich nicht ganz in meinem Gesicht widergespiegelt… Zu allem Überfluss wollten wir an diesem Abend nämlich alle zusammen in Schul-Musical, welches wirklich grandios war! Aber da ich Angst hatte, dass jemand auf den Karton mit den Seidenraupen tritt, hatte ich diese durchgehend auf meinem Schoß und habe sich auch in der Pause mitgenommen. Sie haben aber alle acht das Musical und auch das Wochenende bei uns überlebt und konnten am Montag zurück an die Erzieherin gegeben werden.
Am letzten Wochenende haben wir mit ein paar Freunden eine Weihnachtsfeier organisiert, aber bei mir kam nicht so recht Weihnachtsstimmung auf. Das ist dann auch irgendwie ein Nachteil beim Zusammenkommen verschiedenster Nationalitäten, da man unterschiedliche (oder gar keine wie in China oder Südkorea) Weihnachtstraditionen hat und es dann irgendwie schwer ist auf einen Nenner zu kommen. Mit italienischem Panettone (Weihnachtskuchen) oder Truthahn mit Sauce verbinde ich wenige Erinnerungen. Für mich war es dann eher zu Hause mit mühevoll selbstgemachtem Spritzgebäck (mein Mann musste uns helfen, denn eine Spritztülle ist nicht das beste Mittel der Wahl, aber die Ressourcen sind hier etwas begrenzt), Christstollen für meinen Mann (bei dem wir vorher aber noch die Haselnüsse knacken mussten, da sie mit Schale waren – das hat alles etwas länger dauern lassen) und natürlich Vanillekipferln. Die Kinder haben diese so schön ordentlich, wie am Fließband produziert.
Und Sauerbraten von meiner Oma – das wäre ein richtiges Weihnachtsessen für mich. In Polen isst man traditionell Fisch, die Schweizerin schwelgte in Erinnerungen zu Schweinefilet im Blätterteigmantel und bei den Italienern gibt es durchgehend Essen: Pasta, Fleischgerichte und dann zu Mitternacht nochmal ein ganzes Mahl.
Interessanterweise haben wir aber ein französisches Weihnachtslied in multinationaler Besetzung singen können: Petit Papa Noel – Frankreich, Schweiz, Libanon und Deutschland. Wir hatten dieses Lied damals im Französisch-Unterricht in der Schule gelernt und das war ein schöner vorweihnachtlicher Moment.



Hier ein kurzer Einblick in unterschiedliche Traditionen ganz ab vom Thema Weihnachten: Kürzlich habe ich mich mit ein paar Freundinnen über Trauerrituale und Begräbnisse unterhalten. Wer hätte gedacht, dass die Unterschiede zu Deutschland so groß sein können. In anderen Ländern sind Familiengräber oder Gruften üblich. In Südkorea beispielsweise hält man drei Tage lang im Bestattungsinstitut einen großen Saal geöffnet und bewirtet alle, die zur Beileidsbekundung kommen mit Essen und (vornehmlich alkoholischen) Getränken. Beim Äquivalent zu Allerheiligen wird zuerst in der Familie ein Festmahl veranstaltet und dann gehen alle zusammen auf den Friedhof, zur Grabstätte der Ahnen väterlicherseits um dort nochmal gemeinsam mit den Ahnen zu Essen und zu Trinken und sich an diese zu Erinnern.
Ein Picknick auf einem deutschen Friedhof? Unvorstellbar! In Estland beispielsweise stehen an den Familiengräbern Bänke, auf die man sich setzen können und dort wird ebenfalls gegessen und getrunken. Ein Wodka für sich selbst und dann ein Wodka für den Verstorbenen, der entweder als gefülltes Schnapsglas auf den Grabstein gestellt oder direkt auf das Grab gekippt wird. Wieder große Ungläubigkeit bei mir und meiner italienischen Freundin. Ein ganz anderer Totenkult, der von unseren deutschen Traditionen weit entfernt ist, der mich aber zum Nachdenken angeregt hat.
Diese Woche gab es auch noch eine schöne Überraschung, denn ganz spontan hat sich ein guter Freund von uns gemeldet, der geschäftlich dringend in einen Vorort von Suzhou kommen müsste, ob wir denn Zeit hätten uns mit ihm zu treffen. Natürlich hatten wir das! Ein etwas surrealer Moment ihn und seinen Kollegen dann unten bei uns im Hof abzuholen und ihnen kurz die Aussicht aus unserer Wohnung am Abend zu zeigen. Passenderweise war der Smog an diesem Abend nicht so schlimm, sodass man den Blick durchaus genießen konnte. Ausgeführt haben wir sie dann nach einem kurzen Abstecher durch die Markthalle zu unserem Lieblings-Japaner, wo wir die Karte einmal hoch und runterbestellt haben. Es hat uns sehr gefreut, dass du da warst! Und wie es der Zufall so will, hat sich für nächste Woche noch ein Freund bei uns angekündigt, der geschäftlich nach Suzhou kommt.
Die Vorfreude auf unseren Urlaub in Neuseeland steigt! Nächste Woche beginnen die Ferien und wir fliegen diesmal auf die Südinsel. Ich kann es kaum erwarten. Alle sind müde und wir brauchen dringend mal frische, saubere Luft und viel Natur.
Ein Kommentar zu „Durchatmen“
Hallo Julia,
vielen Dank für deinen tollen Bericht. Ist schon verrückt, welche Erfahrungen du aus
dem internationalen Freundes- und Bekanntenkreis ziehst und uns daran teilhaben läßt.
Trotzdem ist mir meine etwas ruhigere Vorweihnachtszeit lieber. Auch dank des Rentnerlebens kann ich diese jetzt mal richtig genießen.
Liebe Grüße aus Deutschland an euch alle.
Ursula